In der Rückschau: Besuch des chaOSTheaters "Die Welle"

14.04.2016, 12:52 von Myriam Rawak

Aufrüttelnd authenitisch: Die Inszenierung des Romans von Morton Rhue unter der Regie von Reza Jafari in der OT Josefshaus

Das 14. Stück von Reza Jafari als engagierter Regisseur für das chaOTSheater sorgte auch am Mittwoch zum wiederholten Male für ein ausverkauftes Haus. Bedrückend und beeindruckend zugleich wurde "Die Welle" nach dem Buch von Reinhold Tritt neu  - und leider stetig aktuell - interpretiert; immer wiederkehrende Bezüge zum aktuellen Zeitgeschehen wie PEGIDA und der gesellschaftliche Umgang mit Flüchtlingen blieben nicht aus.

Das so viele Besucher, darunter auch unsere Beigeordnete für Bildung und Kultur, Schule, Jugend und Sport, Frau Susanne Schwier, den Weg an diesem Abend in die OT Josefshaus fanden, liegt sicherlich nicht zuletzt an der mittlerweile bekannten Bedeutsamkeit und Qualität des chaOSTheaters, welches im Jahre 2004 als Jugendtheater der OT Josefshaus gegründet wurde. Längst aber sind die Aufführungen den Anfängen merklich entwachsen: das chaOSTheater hat sich zu einem charakterstarken freien Theater entwickelt und trägt einen großen Teil zur professionellen Kulturszene bei, die ganz besonders im Aachener Osten wichtige Arbeit leistet. In der Selbstbeschreibung heißt es:

"Das chaOSTheater besteht aus einer Gruppe theaterbegeisterter Menschen aller Altersgruppen unterschiedlicher sozialer und kultureller Herkunft. Sie alle haben einen direkten Bezug zum Ostviertel, weil sie dort leben, arbeiten oder den größten Teil ihrer freien Zeit verbringen. Unterstützt werden sie von professionelle Choreographen, Musikern, Technikern, Bühnen- und Kostümbildnern. Besonders wichtig ist dem Theater die Integration Jugendlicher mit unterschiedlicher kulturellen Herkunft in die Vorbereitung und Ausführung der Inszenierungen. Das chaOSTheater versteht sich nach einer Phase der Weiterentwicklung heute als Stadtteiltheater und nimmt in seinen Produktionen den besonderen Fokus des multikulturellen Lebensraumes im Aachener Stadtteil Ost auf."

Ob Laien- oder professionelle Schauspieler: alle beeindruckten auf der Bühne durch ein stimmiges Zusammenspiel: Da gab es zum Beispiel den Lehrer, Ben Ross (Armin Schoof), der die Welle zunächst als "Verhaltensexperiment" in eine Schulklasse brachte, welches ihm offensichtlich immer mehr entglitt und somit die gefärhrlichen Prinzipien von Rassismus und Faschismus offenlegte. Oder Robert Billings, ein Schüler (Sebastian Miß), der durch die Welle seine Rolle als Außenseiter verließ und zum dumpfen, gewalttätigen Co-Führer mutierte. Oder aber Laurie Saunders (Svenja Triesch), die zweifelnde, wiederständige Schülerin, die kurz vor Ende des Stückes symbolisch erlitt, was viele Wiederstandkämpfer im dritten Reich leidvoll erfahren mussten. In den Dialogen wurde darauf geachtet, keine aufgesetzte Sprache, sondern reale Jugendsprache zu benutzen, was dem Stück zusätzliche Härte aber auch Authentizität und Bezug zur gegenwärtigen Lebenswelt vieler Jugendlicher verlieh.

Besonders beeindruckend war der Erzähler (Thomas van Gent), welcher das Stück immer wieder für kurze Momente unterbrach und sich mit Fragen an das Publikum richtete. War es wirklich so unverständlich, was damals im dritten Reich geschah?

Ebenso hervorzuheben seien an dieser Stelle noch das große Gesangstalent Lucy Schröder mit ihrer mahnend wirkenden Stimme, das Bühnenbild mit seinen teils morbiden Videoaufnahmen aus dem Dritten Reich, welche sich mit aktuellen Kriegsaufnahmen aus dem nahen Osten mischten, die melancholischen Klänge von Pascal Fricke an der Gitarre, die einen düsteren Soundtrack zum "bösen Spiel" der Welle-Bewegung zauberten. All das ließ den Besucher fast vergessen, das man eigentlich in einer Turnhalle in der OT saß. Natürlich gilt das Lob gleichermaßen auch allen anderen Schauspielern und Beteiligten des Stückes, die leider hier aufgrund des Platzmangels nicht alle einzeln aufgeführt (aber im Beiheft zum Stück!) werden können. Vielen Dank, liebes chaOSTeater, liebes Ensemble, lieber Regisseur, liebe Mitwirkenden, für die aufrüttelnde Darbietung.

 

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