„Ich bin einsam hier wegen meiner Sprache“

27.03.2013, 13:35 von Roberto Graf

Uli van Odijk (Schreibwerkstatt)

Eine bunt zusammen gewürfelte Gruppe trifft sich zweimal in der Woche in der Werkstatt der Kulturen, um Deutsch zu lernen. Die Frauen kommen aus Guatemala, Peru, Chile, Kolumbien, Taiwan, Thailand, dem Iran, Marokko, der Türkei und aus der Ukraine. Wir diskutieren über „Gott und die Welt“, und dabei entdecken die Frauen so nebenbei die Feinheiten der deutschen Sprache.

Während sie über den verflixten deutschen Grammatikregeln schwitzen und über die schwierige deutsche Aussprache stöhnen, fangen sie langsam an, von ihren Problemen zu erzählen, die sie anfangs in Deutschland hatten. Sie amüsieren sich darüber, wie ihre unfreiwilligen Deutschfehler zu Missverständnissen führen, jammern über das Wetter, das so ganz anders ist, als in ihrer Heimat, vergleichen ihre mit der deutschen Kultur, klagen über die verschlossenen und miesepetrigen Deutschen, stellen fest, dass die deutsche Küche besser ist, als sie dachten. Sie berichten von ihren Erfahrungen in diesem fremden Land: vom Ankommen, von ihren frischen Eindrücken und ihrem Heimweh, vom Staunen und Wiedererkennen. Sie entdecken Unterschiede und Gemeinsamkeiten, erzählen von neuen Freunden und langsam lieb gewonnenen Gewohnheiten.

Aber sie reden nicht nur darüber, was sie bewegt, sondern sie schreiben ihre Geschichten auch auf, trotz großer Unsicherheit beim Verfassen in der fremden Sprache. Beim Lektorieren ihrer Geschichten versuche ich, soweit es semantisch und grammatikalisch Sinn macht, ihre Ursprungstexte zu erhalten.

Einige ihrer Geschichten sind heiter, andere bedrückend, aber alle berühren. Sie geben einen Blick auf uns und unsere Gesellschaft, und sie bringen uns zum Nachdenken über uns und unsere Gesellschaft:

  • Willkommen fühle ich mich, wenn die Deutschen verstehen, dass man in einer Sprache, die man erst spät lernt, nicht perfekt sein kann.
  • Heimweh? Nein. „Mutterweh“ ja.
  • In der Ukraine habe ich meine Kindheit verbracht, meine Jugend, meine Ausbildung, mein ganzes Arbeitsleben. In der Ukraine waren meine besten Jahre. Jetzt bleibt mir nur noch, mich an das alles zu erinnern.
  • Nicht nur die Suppen sind hier salzig, auch die Würste. Ich denke, dass die Deutschen deshalb so viel Bier trinken müssen, um den Geschmack auszugleichen.
  • Manchmal denke ich, wenn wir nach Taiwan zurückgehen würden, gäbe es für meinen Sohn keine Probleme mehr in der Schule. Aber er will gar nicht nach Taiwan. Er sagt: „Ich bin Deutscher.“
  • Hier kann ich, im Gegensatz zu Guatemala, auch als Frau nachts allein nach Hause gehen. Diese Sicherheit ist einfach wunderbar.
  • Ich war einsam im Iran wegen meiner Meinung und meines Glaubens Ich bin einsam hier wegen meiner Sprache.
  • Ich fühle mich willkommen, wenn jemand nicht nur meine Worte versteht, sondern auch mein Schweigen.

Unser Ziel ist es, die Geschichten in einem Buch zu bündeln und zu publizieren. Angeregt, unterstützt  und finanziert wird das Projekt von der Werkstatt der Kulturen (Träger: Diakonisches Werk im Kirchenkreis Aachen e.V.), und den Soroptimisten Club Bad Aachen. 

Ansprechpartnerin:

Werkstatt der Kulturen

Heike Keßler-Wiertz (Einrichtungsleitung)

Uli van Odijk (Projektleitung)

Reichsweg 30, 52068 Aachen

Tel: 0241-51 53 513

Email: werkstattderkulturen@diakonie-aachen.de

Der WDR hat darüber einen Beitrag gesendet, der mit dem Goldenen Känguruh prämiert worden ist. Dieser Beitrag ist jetzt für 1 Jahr unter folgendem Link anzusehen http://www.wdr.de/mediathek/html/regional/2013/02/24/goldenes-kaenguru.xml.

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